Reverse Bucket List


Die „Bucket List“ verdanken wir dem Drehbuchautor Justin Zackham. Der wollte vor etwa 20 Jahren aufschreiben, was er noch alles erleben wollte, bevor er „den Löffel abgibt“ (to kick the bucket). Aus dem sperrigen Titel „List of Things to Do Before I Kick the Bucket“ wurde schließlich „The Bucket List“ – bekannt durch den gleichnamigen Film mit Jack Nicholson und Morgan Freeman.
Kurz gesagt: Eine Bucket List ist eine persönliche To-do-Liste fürs Leben. Alles, was man noch erleben, ausprobieren oder sehen will, bevor der Vorhang fällt.
Für mich war der Gedanke, eine Bucket List zu schreiben, nie besonders reizvoll. Vor dem Tod noch 27 Ziele abreißen zu müssen, bevor ich mich endlich – von zahlreichen Erlebnissen erfüllt – hinlegen kann, fand ich nicht sehr anziehend. Zumal sich bei einer Bucket List der Fokus immer auf das richtet, was man noch nicht erreicht hat.
Das sah wohl auch der Autor und Podcaster Simon Sinek ähnlich. Seit etwa 15 Jahren führt er eine sogenannte „Reverse Bucket List“, d. h. eine Sammlung von Momenten, die er schon erlebt hat. Egal, ob größere oder kleinere Ereignisse, alles landet auf der Liste in seinem Smartphone. Das Scrollen durch seine Reverse Bucket List nennt er „Joy Scrolling“ – nicht durch die Erfolgsgeschichten anderer wischen, sondern die eigenen noch mal entdecken und sich an ihnen zu erfreuen.
Klingt erstmal banal, trifft aber einen wunden Punkt. Der Alltag ist nämlich ständig auf das nächste Ziel gerichtet – die nächste Reise, der nächste Karriereschritt, der nächste Meilenstein. Was bereits erreicht, durchgestanden oder erschaffen wurde, gerät dabei aus dem Blickfeld. Die Psychologin Rachel Needle sagte im Time Magazine, eine solche umgedrehte Wunschliste könne diesen Automatismus durchbrechen. Aus dem „Ich bin noch nicht da, wo ich sein will" wird dann plötzlich „Wow, schau mal, was alles schon zu meiner Geschichte gehört."
Auf die Liste gehören also nicht nur die üblichen Verdächtigen wie Fernreisen, Beförderungen und andere Dinge, mit denen man angeben kann. Mindestens genauso wertvoll sind die winzigen Glücksmomente, die im Alltag einfach durchrutschen wie Sand durch die Finger: die warme Sonne im Gesicht beim ersten Schluck Kaffee. Das Gespräch mit einem Fremden, das sich anfühlt wie ein Geschenk. Oder der Moment, in dem man etwas gewagt hat, das man sich vorher nicht zugetraut hätte.
Der Schlüssel liegt in der Schärfe. Ein vager Eintrag verblasst schnell. Schreibt man aber auf, was gerochen, gehört und gesehen wurde, dann wird aus einem trockenen Stichwort ein Film, den man später noch mal abspielen kann.
Und nein, es sind nicht nur die rosigen Kapitel erlaubt. Auch die dunklen Abschnitte, die Kämpfe, die Narben gehören dazu. Gerade wer sich ständig im Spiegel der anderen betrachtet und glaubt, nicht mithalten zu können, bekommt hier gezeigt, dass sein Leben nicht weniger wert, nur weil es sich schlechter in Szene setzen lässt.
Zum Loslegen reicht die Notiz-App oder ein leeres Heft. Regeln gibt's keine. Egal, ob regelmäßig oder spontan. Wichtig ist nur eins: die Sammlung immer wieder hervorholen und kurz stehenbleiben, statt weiterzurennen.
Am Ende ist die Reverse Bucket List kein Nostalgie-Album und auch kein Trostpflaster. Sie ist ein Anker gegen den Sog der Selbstoptimierung. Sie sagt nicht: „Du brauchst keine Träume mehr.“ Sie sagt: „Du hast schon gelebt, nicht nur geplant.“ Ein gutes Leben wartet nicht am Ende der letzten To-do-Liste. Vielleicht liegt es näher, als man denkt – und ist leiser als gewohnt.
PS: Handy ist nicht mein bevorzugten Medium – weder zum Schreiben noch zum Lesen. Habe deshalb geschaut, ob es vielleicht eine Reverse Bucket List-App für meinen Mac gibt. Nein, gibt es nicht. Also habe ich selbst eine entworfen (ist ja wirklich nicht schwer) und sie mithilfe von Vibe-Coding programmiert. So hat allein der Gedanke schon was bewirkt und ich habe einen ersten Eintrag für meine Reverse Bucket List.